Thursday, August 28, 2008

Mein Projekt kommt voran!

Nachdem ich jetzt über meine WG so sehr ins Schwärmen gekommen bin, kann ich gleich weiter machen mit meinem Projekt, und inzwischen bin ich auch wieder in der Stimmung dazu, denn es geht voran (das, was vorher so war, könnt ihr in diesem Zeitungsartikel nachlesen: hier geht's zum Artikel in der FNP). Am Anfang gab es für uns nur vier staubige Aktenordner mit ungeordneten und unübersichtlichen Materialien von vorigen Freiwilligen, einen Computer, der zugleich noch für rund 20 andere Freiwillige vorgesehen ist - und eine sehr unklare Vorstellung von der Arbeit, die uns erwartet. Hieß es noch in der - wie ihr wisst recht groben - Projektbeschreibung, dass es um Ökotourismus in ganz Südindien gehe, wurde das nach unserer Ankunft hier sinnvollerweise auf unseren Bundesstaat Karnataka beschränkt, der übrigens wunderschön ist und touristisch so gut wie gar nicht entwickelt. Ein ungeheures Potential und eine Chance für Menschen und Natur.

Nach etwa zwei Monaten, nachdem wir endlich ein Gespräch mit Big Boss Rakesh (nee, das ist nicht der auf dem Bild da unten...) hatten, uns durch die Akten gewühlt, geordnet, sortiert, gelernt, gelesen und ein bisschen Struktur hineingebracht hatten, wurde klar, dass auch das viiiiel zu viel ist - bedenkt man nur einmal die Größe dieses Landes. Aus den in den Materialien sehr vertreuten Hinweisen auf Dinge, die noch zu tun sind, haben wir deshalb ein "Step-by-Step"-Programm erstellt, das uns und künftigen Freiwilligen jetzt ein systematisches Vorgehen ermöglicht und verhindert, das Arbeit doppelt und dreifach gemacht wird, so wie bisher. Weil die Leute bislang eben nicht ein Jahr wie die BMZler von "weltwärts", sondern höchstens ein paar Monate in dem Projekt blieben und damit die hier in Indien vielleicht mehr als irgendwo sonst nötige Kontinuität fehlte, um Dinge voranzubringen.


Das alles ist, denkt ihr jetzt vielleicht, eine Sache, die man in wenigen Wochen erledigen könnte. Und für Europa stimmt das auch. Aber in Indien muss man mal mindestens das Doppelte an Zeit draufrechnen, weil immer wieder irgendwelche unberechenbaren Kleinigkeiten (Termine, die nicht eingehalten werden, Materialien, die nicht verfügbar sind, Ansprechpartner, auf die man angewiesen ist, die aber zurzeit aus irgendwelchen Gründen nicht ansprechbar sind, Sprach- oder Kommunikationsprobleme, Verbindlichkeiten, die sich als Unverbindlichkeiten erweisen usw.) die Arbeit erschweren.


"Zwischendurch" haben wir uns zum Beispiel daraum gekümmert, in unserem Haus Internetzugang zu bekommen (ein Vorhaben für sich - bitte, beschwert euch NIIIE wieder in meiner Gegenwart über die Telekom, denn ich kenne jetzt BSNL...) und ich habe meinen von Hitze und Feuchtigkeit geplagten Laptop wieder fit gemacht. Übrigens auch ein eigenes Projekt, ich war inzwischen schon rund 10 Mal mit ihm bei der Reparatur, jedes Mal keine Sache von ein paar Minuten wie vielleicht in Europa, sondern meist von mehreren Stunden - und er zickt immer noch, aber immerhin kann ich das Wichtigste wieder erledigen und für Recherche, Strukturierung von Arbeitsprozessen und um Reports zu schreiben, was zwar langweilig, aber unerlässlich ist, damit unsere Arbeit nachvollziebar bleibt, ist ein funktionierender Computer unerlässlich.


Was das eigentliche Projekt betrifft, haben wir uns inzwischen darauf fokussiert, eine Bootstour für Touristen zu etablieren, die lokale Fischer- und Farmerfamilien einbinden soll. Damit soll ihnen ein weiteres Einkommen ermöglicht, also Entwicklungshilfe geleistet und gleichzeitig auch Umweltschutz und -erziehung betrieben werden. Es geht vor allem um den Schutz der Mangrovenwälder, für die die Region in Kundapur bekannt ist wie kaum eine andere, weil es hier das größte Mangroven-Habitat ganz Karnatakas gibt.

Die Mangroven (hier eine Baby-Mangrovenpflanze) sind wichtig, weil sie Erosion verhindern, Schwermetalle aus dem Wasser filtern und ein eigenständiges kleines Biotopsystem darstellen, gleichzeitig also Lebensraum für viele andere Arten von Lebewesen sind, die von ihnen abhängen. Wer Mangrovenschutz betreibt, betreibt auch generell Artenschutz. Leider werden die Mangroven von den Fischerleuten verbotenerweise abgeholzt, weil ihnen deren Wichtigkeit nicht klar ist - und man sie gut verfeuern kann.

Außerdem werden bei der Shrimp-Farmerei Chemikalien eingesetzt, die den Mangroven alles andere als gut tun. Und schließlich gibt es da noch die Wasserverschmutzung durch den in Indien allgegenwärtigen MÜLL!
Mangroven haben es also nicht leicht. Die örtliche Forstbehörde macht schon seit Jahren große Aufpflanzungsaktionen, trotzdem muss man dem Problem generell Herr werden, denn so viele Pflanzen wie sterben - manche Arten sind bereits ausgestorben, kann man gar nicht künstlich nachpflanzen. Da ist die Überlegung eben, die Wälder für die lokale Bevölkerung wieder wertvoller zu machen, zum Beispiel eben durch Ökotourismus. Die Bootstour soll durch die Mangrovenwälder führen und Fischerleute sollen in dem Zusammenhang nicht nur Touristen herumfahren, sondern auch ausgebildet werden, die Wälder zu schützen, die ja, wenn mehr und mehr Touristen kommen würden, um sich die Natur anzuschauen, auch eine Wirtschaftsgrundlage für sie wären, die über Feuerholz hinausgeht.

Außerdem ist das Ziel von Ökotourismus auch, die lokale Kultur aufzuwerten und Bräuche zu schützen. Deshalb und damit es nicht zu langweilig für Touris wird, durch die Backwaters (Stehgewässer) zu paddeln, sollen Stops eingebaut werden, zum Beispiel Naga-, also Schlangenkult-Tempel-Besichtigungen, Yakshagana-Shows (ein lokales Tanztheater, das auf religiösen Motiven aus Ramayana und Mahabarata beruht) oder Teilnahmen an Bhuta-Ritualen (Geister) beziehungsweise an solchen von so genannten Patris, also einer Art Priester, die von bestimmten Gottheiten besessen werden - alles Spezialitäten der Küste Karnatakas, die diese Region so einzigartig und vielseitig machen wie es Goa leider heute nicht mehr ist - Dank Ausbeutung durch Massentourismus.

Das müssen wir bei unserer Arbeit hier deshalb auch immer im Blick behalten: Karnataka darf nicht zu einem Opfer des Massentourismus werden wie Goa oder Kerala, wo nicht nur viel Natur, sondern auch Kultur zerstört wurde, um die Ansprüche von westlichen Touristen zu erfüllen und wo sich inzwischen die lokale Bevölkerung den Spaß im eigenen Staat kaum noch leisten kann. Ziel ist in dieser Region eine gemäßigte Entwicklung und die Teilhabe der lokalen Bevölkerung an den Profiten durch Tourismus. Das wollen wir erreichen, indem wir zum Beispiel Familien finden, die Touristen Mahlzeiten, Snacks und/oder Chai (Tee) während der Bootstour beziehungsweise ein Gästezimmer für Übernachtungen anbieten können.

Wer - beispielsweise wie diese Leute, die auf der Müllkippe Papier zusammensuchen, um es für ein paar Rupies an ein Recyclingunternemen zu verkaufen - nicht die finanziellen oder materiellen Mittel hat, um unmittelbar an dem Ökotourismus-Programm teilzunehmen, also hilfsbedürftig ist, soll durch einen so genannten "Community-Fund" unterstützt werden, in den ein Teil der Gelder fließt, die durch den Tourismus von den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft verdient werden. Soweit ein super Plan. Aber jetzt, wo ich beim Thema Finanzierung angelangt bin, verliere ich so langsam die Lust, weiterzuschreiben. Wer schon mal in Indien oder einem anderen Schwellenland gelebt hat, weiß wieso. Also mache ich demnächst weiter - und das nächste Mal lässt hoffentlich nicht ganz so lange warten wie bisher. Aber das behaupte ich ja auch jedes Mal. Und wer ein Mal in Indien gelebt hat, weiß wieso das vielleicht auch diesmal "nicht possible" ist...

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